Rekord bei den Verträgen, Engstelle in der Praxis: Was Pflegeazubis im Beruf hält

ON7 Redaktion
4 Min. Lesezeit
06.10.2026
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Ein Rekord, der noch keine Versorgung ist

Im Jahr 2025 wurden rund 64.300 neue Ausbildungsverträge zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann abgeschlossen, etwa acht Prozent mehr als im Jahr davor. Zum 31. Dezember 2025 befanden sich rund 158.000 Menschen in einer Pflegeausbildung, so viele wie noch nie seit Einführung der generalistischen Ausbildung im Jahr 2020 (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2026).

Diese Zahl misst allerdings einen Eintritt, keine Ankunft. Zwischen der Unterschrift unter den Ausbildungsvertrag und der ersten Schicht als examinierte Pflegefachkraft liegen drei Jahre, in denen Schule und Station im Wechsel bestanden werden müssen. Erst am Ende dieser drei Jahre entsteht das, was Einrichtungen tatsächlich brauchen. Die Debatte über den Pflegemangel schaut fast immer auf den Eintritt. Die Versorgung entscheidet sich am Ausgang.

Warum jeder Ausbildungsabbruch doppelt zählt

Der Bedarf an Pflegekräften steigt von 1,62 Millionen im Jahr 2019 auf voraussichtlich 2,15 Millionen im Jahr 2049. Je nach Szenario fehlen dann zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2024). Vor diesem Hintergrund ist ein abgebrochener Ausbildungsvertrag mehr als eine Personalie.

Denn ein Ausbildungsplatz ist selbst eine knappe Ressource. Er bindet einen Schulplatz, einen Praxiseinsatz und vor allem die Zeit einer erfahrenen Pflegefachkraft, die anleitet statt zu versorgen. Bricht jemand im dritten Jahr ab, ist diese Kapazität aufgebraucht, ohne dass eine Fachkraft entstanden ist. Und sie steht im selben Jahr niemand anderem zur Verfügung. Wer Ausbildungsplätze aufbaut, aber die Abbrüche ignoriert, vergrößert vor allem den Aufwand.

Der Bruch passiert meist in der Praxis, nicht in der Schule

Wie viele es genau sind, weiß niemand. Im Umfeld des Abschlussberichts der Ausbildungsoffensive Pflege wurde kritisiert, dass etwa jeder dritte Auszubildende die Ausbildung nicht abschließe (Quelle: Bibliomed Pflege, 2024). Eine Sonderauswertung des BIBB-Pflegepanels kam dagegen auf eine Lösungsquote von etwa zwölf Prozent, misst damit aber gelöste Verträge und nicht Berufsausstiege (Quelle: Bibliomed Pflege, 2024). Eine amtliche, bundesweit vergleichbare Quote fehlt.

Über die Gründe ist dagegen viel bekannt. Ein integratives Review des Bundesinstituts für Berufsbildung hat dafür 109 nationale und internationale Arbeiten ausgewertet. Als zentrale Faktoren für einen erfolgreichen Abschluss nennt es zwei Dinge. Erstens ein realistisches Berufsbild, vermittelt bereits in der Berufsorientierung. Zweitens die Zusammenarbeit der verschiedenen Lernorte (Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung, 2021). Beides betrifft nicht den Unterricht, sondern die Schnittstelle zur Praxis.

Anleitung ist der Hebel, aber sie ist nicht umsonst

Der rechtliche Rahmen dafür existiert. Nach der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe erfolgt die Praxisanleitung im Umfang von mindestens zehn Prozent der praktischen Ausbildungszeit, geplant und strukturiert. Praxisanleitende brauchen eine berufspädagogische Zusatzqualifikation von mindestens 300 Stunden und jährlich mindestens 24 Stunden Fortbildung (Quelle: § 4 Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe).

Das Problem ist nicht die Vorschrift, sondern ihre Umsetzung. Fällt die Anleitung aus, weil die anleitende Fachkraft in der Versorgung gebraucht wird, verliert der Praxiseinsatz seine Struktur. Die Gewerkschaft ver.di forderte deshalb in der bereits zitierten Meldung eine flächendeckende Umsetzung der Praxisanleitung und eine Erhöhung des Anteils auf mindestens 30 Prozent.

Hier gehört die Einschränkung dazu. Mehr Anleitungszeit bindet genau die erfahrenen Kräfte, die auf Station ohnehin fehlen. Kurzfristig verschärft der Hebel also das Problem, das er langfristig löst. Wer ihn zieht, muss diese Lücke einplanen und nicht hoffen, dass sie sich nebenbei ergibt.

Wie die ONcademy Care diesen Ansatz umsetzt

Für international ausgebildete Pflegefachkräfte wirkt derselbe Mechanismus, nur früher und schärfer. Sie treffen nicht nur auf einen fremden Stationsalltag, sondern zusätzlich auf eine andere Sprache, ein anderes Verständnis von Zuständigkeit und ein Anerkennungsverfahren nebenher. Ein unrealistisches Bild vom deutschen Arbeitsalltag wirkt hier genauso wie bei Auszubildenden.

Die ONcademy Care setzt deshalb vor der Ankunft an. Rund ein Viertel der Kursinhalte wird bereits im Herkunftsland bearbeitet, der Rest in einem vier- bis sechswöchigen Intensivkurs in Würzburg. Digitale Lernmodule, Fachsprache und Skills Lab greifen ineinander, und im Skills Lab lassen sich Situationen üben, bevor sie im Dienst zum ersten Mal auftreten.

Das ersetzt keine Praxisanleitung auf Station und löst den Mangel nicht. Jedoch sind internationale Pflegefachkräfte ein Baustein neben der Ausbildung und Vorbereitung entscheidet darüber, ob jemand die ersten Monate übersteht.

Gehalten wird, wer sich gewachsen fühlt

Für Patient:innen und Teams zählt am Ende nur, wer im Frühdienst tatsächlich da ist. Jede Ausbildung, die im zweiten oder dritten Jahr endet, fehlt dreifach: als Fachkraft, als investierte Anleitungszeit und als Platz, den in diesem Jahr niemand sonst bekommen hat.

Die gute Nachricht ist, dass die wirksamen Hebel bekannt sind. Ein realistisches Bild vom Beruf, bevor jemand unterschreibt. Anleitung, die stattfindet und nicht nur im Ausbildungsplan steht. Und eine Verzahnung von Schule und Station, die diesen Namen verdient. Nichts davon ist neu, und nichts davon ist umsonst zu haben. Ein unterschriebener Ausbildungsvertrag ist noch keine Pflegekraft auf Station.

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