Digitale Ersteinschätzung: Warum Deutschlands Gesundheitsproblem nicht nur Geld, sondern fehlende Steuerung ist

ON7 Redaktion
4 Min. Lesezeit
01.04.2026
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Das eigentliche Problem: Ein System ohne Navigation

Jens Baas hat im ZDF-Interview einen Satz gesagt, der hängen bleibt: Wenn das Gesundheitssystem ein Unternehmen wäre, müsste man den CEO entlassen. Zugespitzt, ja. Aber genau diese Zuspitzung trifft einen wunden Punkt. Denn die eigentliche Krise des Systems liegt nicht nur in steigenden Beiträgen oder knappen Kassen. Sie liegt darin, dass Patientinnen und Patienten noch immer durch ein System laufen, das kaum sinnvoll steuert, sondern zu oft zufällig verteilt. Im ZDF-Interview nennt Baas die Lage der Kranken- und Pflegekassen dramatisch und kritisiert, dass in Deutschland zu viel Geld in ineffizienten Strukturen gebunden wird, statt Versorgung klüger zu organisieren. (Quelle: ZDFheute, 2025)

Genau hier wird die Idee einer digitalen Ersteinschätzung interessant. Nicht als technisches Gimmick. Nicht als weiterer Symptom-Checker. Sondern als möglicher Einstieg in ein Gesundheitssystem, das knappe Ressourcen endlich dorthin lenkt, wo sie medizinisch wirklich gebraucht werden. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt das geplante Primärversorgungssystem ausdrücklich als Reform für mehr Navigation im ambulanten Bereich, schnellere Versorgung nach medizinischer Notwendigkeit und einen effizienteren Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen. Ein wesentlicher Bestandteil soll ein verlässliches digitales oder telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sein. (Quelle: Bundesgesundheitsministerium, 2026)

Wie Patienten heute durch das System laufen

Heute funktioniert der Zugang zur Versorgung in Deutschland oft nach Gewohnheit, Verfügbarkeit und persönlichem Druckgefühl. Wer Beschwerden hat, entscheidet selbst, ob Hausarztpraxis, Facharzt, Bereitschaftsdienst, Notaufnahme oder Google die erste Anlaufstelle ist. Baas nennt das im ZDF ein relativ zufälliges System, in dem Krankenhäuser und Ambulanzen nicht gut miteinander verknüpft sind. Genau diese fehlende Verknüpfung treibt Kosten, erzeugt Frust und verschwendet Fachkräfte. (Quelle: ZDFheute, 2025)

Dass der finanzielle Druck real ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen stiegen 2025 um rund 7,8 Prozent, die Beitragseinnahmen aber nur um rund 5,3 Prozent. Das erhöht den Druck auf Beitragssätze und macht deutlich, warum reine Nachfinanzierung keine nachhaltige Antwort mehr ist. (Quelle: Bundesgesundheitsministerium, Finanzentwicklung GKV 2025)

Die politische Debatte fokussiert deshalb zunehmend auf Steuerung. Und Steuerung beginnt immer mit einer Frage: Wer braucht was - und wie dringend?

Warum digitale Ersteinschätzung ein echter Hebel sein kann

Genau hier setzt die digitale Ersteinschätzung an. Das Instrument existiert im Kern bereits. Über die 116117 können Patientinnen und Patienten ihre Beschwerden telefonisch, online oder per App strukturiert einschätzen lassen. Laut KBV unterstützt die Software SmED die medizinische Ersteinschätzung sowohl am Telefon als auch digital über das Patienten-Navi. Die offizielle 116117-Seite beschreibt das Angebot als Weg, Beschwerden einzuordnen und eine Empfehlung zur passenden Versorgungsebene zu erhalten. (Quelle: KBV)

Das Potenzial ist enorm. Eine gute Ersteinschätzung kann Notaufnahmen entlasten, Facharzttermine priorisieren, unnötige Doppelkontakte reduzieren und Patientinnen und Patienten schneller an die richtige Stelle bringen. Vor allem aber kann sie etwas, woran das System bisher scheitert: Sie macht aus einem offenen Suchprozess einen gesteuerten Einstieg.

Das ist nicht nur ökonomisch interessant, sondern auch personell. Denn jede Fehlsteuerung kostet Zeit - auf ärztlicher Seite, in der Pflege, an Rezeptionen, in Leitstellen, im Entlassmanagement, in Ambulanzen und auf Station. Wenn Menschen mit Bagatellfällen in hochbelasteten Strukturen landen, fehlen diese Ressourcen dort, wo sie wirklich gebraucht werden.

Die Risiken einer digitalen Steuerung

Aber genau an diesem Punkt beginnt die Debatte. Denn digitale Ersteinschätzung ist nur dann ein Fortschritt, wenn sie nicht als digitale Schranke missverstanden wird. Das größte Risiko wäre ein Modell, das politisch modern klingt, im Alltag aber neue Hürden aufbaut. Nicht jeder Mensch ist digital affin. Nicht jede ältere Patientin kann Beschwerdebilder sicher in ein Tool eingeben. Nicht jede psychische Krise, Sprachbarriere oder diffuse Mehrfachsymptomatik lässt sich in einem standardisierten Ablauf sauber abbilden.

Deshalb ist es richtig, dass das BMG ausdrücklich von einem digitalen oder telefonischen Verfahren spricht - also gerade nicht von einer App-only-Lösung. Und deshalb ist auch relevant, dass Fachgesellschaften fordern, digitale Ersteinschätzung müsse niedrigschwellig, datensicher und unterstützend statt rein verpflichtend ausgestaltet werden.

Ohne Versorgungskette bringt die beste Software nichts

Die zweite Gefahr ist operativer Natur: Eine gute Ersteinschätzung bringt wenig, wenn dahinter keine verlässliche Versorgungskette existiert. Wer digital sinnvoll vorsortiert, muss danach auch zeitnah einen Termin, ein Telemedizin-Angebot, eine Bereitschaftspraxis oder eine Hausarztanbindung bekommen. Sonst erzeugt das System zwar Daten, aber keine Versorgung.

Der Koalitionsansatz, digitale Ersteinschätzung mit Terminvermittlung und Primärversorgung zu verzahnen, ist deshalb nicht Nebensache, sondern der eigentliche Kern der Reform.

Das Gesundheitswesen braucht Steuerung, nicht nur mehr Geld

Die eigentliche Pointe ist deshalb eine andere, als viele denken. Nicht ausschließlich die Digitalisierung rettet das System. Sondern bessere Steuerung rettet Ressourcen - und Digitalisierung kann dabei helfen. Wer die steigenden Beiträge nur mit mehr Geld beantworten will, kuriert Symptome. Wer aber den Einstieg ins System neu ordnet, kann an einem der teuersten und frustrierendsten Punkte überhaupt ansetzen: am falschen Zugang zur falschen Versorgung.

Jens Baas hat recht, wenn er sagt, dass wir keine kleinen Pflaster brauchen, sondern eine Therapie. Die digitale Ersteinschätzung kann ein Teil dieser Therapie sein - vorausgesetzt, sie wird nicht als Sparinstrument gebaut, sondern als intelligenter Zugang zu besserer Versorgung. Denn die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet: Das deutsche Gesundheitswesen hat nicht zuerst ein Technologieproblem. Es hat ein Ordnungsproblem. Und genau deshalb könnte die unscheinbare Frage am Anfang - Was fehlt Ihnen eigentlich genau? - politisch und ökonomisch viel relevanter werden, als es heute noch scheint.

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