Teilkasko-System, Vollversicherung - oder private Vorsorge? Wie Deutschland seine Pflegezukunft wirklich finanzieren kann
Ein System am Rand seiner Tragfähigkeit
Die Pflegeversicherung, eingeführt 1995 als Teilkaskosystem, steht heute vor einer Mammutaufgabe. Mehr ältere Menschen, höhere Kosten, steigender Pflegebedarf und ein Beitragssystem, das genau dafür nie ausgelegt war. 2023 gab es einen Zuwachs von mehr als 360.000 Pflegefällen (Quelle: ARD Hauptstadtstudio, 2024). Seit 2017 steigt die Zahl der Pflegebedürftigen jedes Jahr um etwa 330.000. Gleichzeitig lagen die Gesamtausgaben der sozialen Pflegeversicherung 2023 bei knapp 60 Milliarden Euro - und die Tendenz ist steigend (Quelle: Bundesregierung, 2024). Die Politik steht deshalb vor vier grundlegenden Szenarien, wie Pflege künftig finanziert werden kann.
Die vier Modelle - und was sie jeweils bedeuten
1. Weiter so: Die Teilkasko bleibt, Eigenanteile steigen weiter Das aktuelle System ist einfach: Die Pflegeversicherung zahlt einen fixen Betrag, den Rest tragen die Pflegebedürftigen selbst. Das führt dazu, dass:
- die Eigenanteile jährlich steigen, zuletzt auf rund 2.600 Euro im ersten Heimjahr, bundesweiter Durchschnitt (Quelle: VdEK, 2024)
- immer mehr Menschen Sozialhilfe benötigen
- Pflege zum Armutsrisiko wird
- Familien massiv finanziell belastet werden
Ökonomisch ist das Modell für den Staat kurzfristig günstig. Sozialpolitisch ist es langfristig kaum haltbar. Dieses Szenario bedeutet: Weiter steigende Belastungen für Millionen Familien.
2. Mehr private Vorsorge: Der Staat zieht sich weiter zurück In diesem Modell wird die Teilkasko ergänzt durch obligatorische oder freiwillige private Vorsorgeformen:
- kapitalgedeckte Pflegefonds
- private Pflegezusatzversicherungen
- steuerlich geförderte Vorsorgemodelle
Die Idee: Die gesetzliche Versicherung bleibt schlank, der Einzelne spart zusätzlich. Aktuell haben jedoch nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung eine private Pflegezusatzversicherung (Quelle: GDV, 2024). Die Konsequenzen:
- höhere Ungleichheit zwischen Einkommensgruppen
- Risiko, dass Pflegequalität vom Geldbeutel abhängt
- Gefahr einer Zwei-Klassen-Pflege
Ökonomisch könnte dies die gesetzliche Versicherung entlasten. Politisch wäre es eine Verschiebung vom solidarischen zum individualisierten System.
3. Erweiterte Teilkasko: Die Versicherung übernimmt mehr - Beiträge steigen Diese Option würde die Eigenanteile der Betroffenen reduzieren, indem die Pflegeversicherung:
- höhere Kostenanteile übernimmt
- Eigenanteile deckelt
- Pflegeleistungen ausweitet
Vorteile:
- spürbare finanzielle Entlastung der Pflegebedürftigen
- weniger Armutsgefährdung
- höhere Planungssicherheit
Doch die Rechnung wird von der arbeitenden Bevölkerung getragen. Der Sachverständigenrat warnt, dass die Beitragssätze ohne Reform bis 2040 ohnehin auf über 5 Prozent steigen könnten (Quelle: SVR Gesundheit, 2024). Ein erweitertes Teilkaskosystem wäre gerechter, aber teurer für alle Erwerbstätigen.
4. Die Vollversicherung: Der Staat übernimmt fast alle Kosten Das politisch ambitionierteste Modell: Die Pflegeversicherung wird zur Vollkaskoversicherung. Der Staat deckt nahezu alle pflegebedingten Kosten, ähnlich wie im Krankenhausbereich. Die Vorteile sind klar:
- keine ruinösen Eigenanteile
- Schutz vor Altersarmut
- voll solidarisches System
Doch auch die Nachteile sind erheblich:
- deutlich höhere Beitragssätze
- zusätzlicher Steuerzuschuss nötig
- langfristige Bindung staatlicher Haushaltsmittel
Studien schätzen, dass eine Vollversicherung 15 bis 25 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich kosten würde (Quelle: DIW, 2024). Dieses Modell wäre am ehesten geeignet, soziale Sicherheit zu gewährleisten, aber es erfordert politische Entschlossenheit und breite gesellschaftliche Zustimmung.
Was die Modelle verschweigen: Pflege wird in jedem Fall teurer
Egal welches Modell gewählt wird - Pflege wird mehr kosten als heute. Warum?
- Die Babyboomer gehen in Rente: Bis 2035 wird die Zahl der Pflegebedürftigen auf über 6 Millionen steigen (Quelle: BMG, 2024).
- Pflege ist personalintensiv: Anders als in der Industrie lassen sich die Kosten nicht einfach durch Automatisierung senken.
- Medizinischer Fortschritt verlängert Lebenszeit: Längeres Leben bedeutet längeren Pflegebedarf.
- Regionale Ungleichheiten steigen: Ländliche Regionen haben heute schon höhere Versorgungskosten.
Das bedeutet: Jedes Finanzierungsmodell ist letztlich eine Frage des gesellschaftlichen Willens.
Was bedeutet das für Bürgerinnen und Bürger?
Die Realität ist unbequem: Selbst im besten politischen Szenario wird es in Zukunft mehr Eigenverantwortung geben müssen. Das kann beinhalten:
- frühzeitige finanzielle Vorsorge
- Beschäftigung mit möglichen Pflegekosten
- Auseinandersetzung mit Pflegeoptionen im Alter
- Planung, ob und wie Angehörige eingebunden werden können
Pflegevorsorge wird ein Teil privater finanzieller Lebensplanung werden müssen - unabhängig vom politischen Modell.
Was bedeutet das für die Politik?
Die Bundesregierung hat sich bisher nicht auf eines der Modelle einigen können. Die Positionen der Parteien sind weit auseinander:
- FDP bevorzugt private Vorsorge
- SPD und Grüne tendieren zu mehr Steuerfinanzierung
- Die Union fordert klare Kostenbegrenzungen
- Lauterbach selbst hält eine Reform in dieser Legislaturperiode für unwahrscheinlich (Quelle: ARD Hauptstadtstudio, 2024)
Das Risiko ist klar: Ohne Reform rutschen immer mehr Menschen in Pflegearmut. Deutschland braucht eine Entscheidung - nicht nur eine Debatte.
Die Pflegefinanzierung muss endlich ehrlich diskutiert werden
Die Frage lautet nicht: Welches Modell ist perfekt? Sondern: Welches Modell können wir uns leisten - wirtschaftlich, sozial, politisch? Teilkasko führt zu sozialen Härten. Private Vorsorge führt zu Ungleichheit. Erweiterte Teilkasko führt zu höheren Beiträgen. Vollversicherung führt zu höheren Staatsausgaben.
Jedes Modell hat Kosten. Die Frage ist, wie wir sie fair verteilen, denn Deutschland muss eine Grundsatzentscheidung treffen - und zwar bald.
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